simonetta

Machen Sie eine Zeitreise und lernen Sie Simonetta Vespucci, eine Art Gisele Bündchen des 15. Jahrhunderts, kennen! Ihre hinreißende Erscheinung inspirierte mehrere Künstler der italienischen Renaissance, darunter Piero di Cosimo oder Sandro Botticelli.

Auszug, Kapitel 1

Schützend zog Andrea das Jackett um sich. Der böige Wind peitschte ihm den Regen ins Gesicht, dem Novemberwetter war er auf dem Holbeinsteg schutzlos ausgeliefert. Er verfiel in Trab. ›Wann wird man nasser, wenn man rennt oder wenn man gemächlich dahin schlendert?‹ Andrea wusste es nicht, Physik war nicht sein Ding, er blieb bei seinem Tempo.
Jählings stutzte er. Unbeeindruckt von den von der Hängebrücke flüchtenden Menschen stand in einem bodenlangen kamelhaarfarbenen Mantel eine Frau am Geländer. Ihre langen Haare wurden durch ein gestricktes dunkelblaues Stirnband gebändigt, um den Hals trug sie einen passenden Schal, der bis zum Kinn hochreichte. Der Mund zu einem Schrei geöffnet, beugte sie sich der gurgelnden Flut entgegen, ließ ein Bündel fallen und verfolgte mit den Augen wie es im Wasser versank. ›Was tut sie da?‹, fragte er mit jähem Erschrecken. ›Will sie sich hinterher stürzen?‹ Unschlüssig blieb Andrea neben der Frau stehen, bereit, sie am Sprung in die Tiefe zu hindern. »Ist Ihnen was Wertvolles aus den Händen geglitten?«, fragte er teilnahmsvoll und taxierte sie verstohlenen mit einem fachmännischen Blick. Im Einschätzen von Personen war er geübt. Nach ihrem äußeren Erscheinungsbild tippte er auf Rechtsanwältin oder Ärztin. Mitte vierzig Jahre, 170 Zentimeter, schlank, griechisches Profil, die Lippen mit einem Lippenstift üppig nachgezogen, gezupfte Augenbrauen. Tropfen liefen ihr die Wangen herab, waren es Tränen, war es der Regen?
»Nein«, erwiderte sie knapp. »Nur Belangloses von dem ich mich eh trennen wollte.«
Urplötzlich riss die graue Wolkendecke über Frankfurt auf, ein Sonnenstrahl blendete Andrea. Er schloss die Augen, als er sie wieder öffnete, sah er, dass die Frau ihn überrascht anlächelte. Andrea stand nicht auf ältere Ladys, wusste gleichwohl, was das Lächeln eines weiblichen Wesens auslösen kann.
»Na, wenn das so ist«, sagte Andrea. »Kein Grund mehr in die Tiefe zu blicken! Schauen Sie nach oben, die Bläue des Himmels öffnet sich.«
»Sie haben recht«, erwiderte die Frau. »Das Schicksal scheint es gütig mit mir zu meinen.« Fasziniert blickte sie ihm ins Gesicht. »Es hat Sie geschickt, um mich abzulenken.« Sie ergriff seine Hand. »Nebenbei bemerkt, ich heiße Tassina. Wie ist dein Name?«
»Andrea«, murmelte er zerstreut. ›Abzulenken? Ich? Von was? Seltsamer Vorname. Wieso duzt das Weib mich?‹ An einem Fick war er nicht interessiert, ein befremdlicher Zug in ihrer Physiognomie stieß ihn ab.
»Sehen Sie!«, rief die Frau unvermittelt. Mit ihrer linken Hand deutete sie in den Himmel. »Ein Regenbogen. Schön, nicht war? Meine Großmutter hat mir erzählt, er sei ein Zeichen der Versöhnung zwischen Gott und dem Menschen.«
»Ein zauberhafter Gedanke«, sagte er höflich und gab sich eilig. »Wir sollten die Brücke verlassen, der Wind bläst unangenehm.« Geschwätz über Natur mit ihn anhimmelden Mittvierzigerinnen hingen ihm zum Halse heraus. Zu oft hatte er erlebt, wie Freizeitmalerinnen ihn einluden, ihm bei Rotwein und klassischer Musik ihr Gekleckse vorzeigten. In der Regel endete es damit, dass sie ihre silikongestylten Brüste präsentierten oder ihre makellos enthaarte Schamregion feilhielten. ›Nein, danke Tassina, dein Lächeln verfängt nicht!‹, fertigte er sie in Gedanken ab.
Irritiert registrierte Andrea, dass die in der Regel belebte Fußgängerbrücke über den Main bis auf sie beide unvermittelt menschenleer war. Rasch blickte er zu den Aufgängen der Brücke hin, zwar drängten sich dort Menschen, niemand wollte den Holbeinsteg betreten. Die unerklärliche Beklemmung vor dem Einsturz der Brücke schien sie abzuhalten.
»Sie sind auf dem Weg, die Botticelli-Ausstellung da drüben im Städel aufzusuchen«, stellte die Frau fest. »Natürlich, eine willkommene Pflicht für einen Künstler. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, ich könnte Ihnen Besseres anbieten.«
Andrea war verdutzt. ›Künstler? Wie kommt sie darauf? Sieht man mir den Bohème an?‹ Er sah an sich herab. Nichts an seinem Äußeren erinnerte an den abgerissenen Maler Marcello aus der Oper La Bohème, als gutaussehender Italiener und Kunstschaffender war er narzisstisch veranlagt. »Sie haben recht«, sagte er. »Woher wissen Sie ...«
»Mein Herzblatt«, antwortete sie unverblümt, »Ich kenne mich mit Menschen aus, mir macht niemand was vor.« Erneut schenkte Tassina ihrem Gegenüber ein Lächeln und machte mit ihrer Linken eine eigentümlich drehende Bewegung gegen ihn. »Waren wir nicht bereits beim Du?«.
Die Titulierung ’mein Herzblatt’ erregte ihn. ›So übel ist sie nicht‹, dachte Andrea, plötzlich fand er sie anziehend. »Die Ausstellung meines Landmannes besuche ich jeden Tag«, warf er zerstreut ein, denn Tassina schmiegte sich unvermittelt an ihn an. »Ich bin von einem konkreten Portrait des Künstlers fasziniert.«
»Ich kann mir denken, von wem du träumst«, flüsterte die Frau ihm ins Ohr. Irritiert gewahrte er, dass sie hinter ihn trat, eine Hand eisenhart auf seine Augen presste, die andere in seine linke Brustseite krallte. »Die angeblich schönste Frau von Florenz des fünfzehnten Jahrhunderts, Simonetta Vespucci. Die geht dir nicht mehr aus dem Sinn!«
Ein jäher Schreck fuhr ihm in die Knochen. ›Träum ich oder was ist los? Woher kennt sie meine geheimsten Wünsche?‹ Den aufsteigenden Gedanken, sich mit Gewalt dem Klammergriff zu lösen, verbot sich, die Rundungen ihres angepressten Körpers erregten ihn. »Woher weisst du?« Die trauliche Anrede kam ihm zögerlich über die Lippen.
Sie ging auf die Frage nicht ein. »Die Engelsgleiche, die im zarten Alter von sechzehn Jahren mit einem Homosexuellen verkuppelt wurde und am 26. April 1476 mit nur 23 Jahren starb.« Ihre Stimmlage hatte sich vollauf verändert, unvermittelt fand sich eine eiskalte lauernde Gier darin. »Findest du die Nase von Simonetta in Wahrheit elegant? Warum straffte sie ihren Hals mit einem Band? Und dann ihre Augen! Sie besaß die Neigung zu Schlupflidern und Tränensäcken. Von ihren kleinformatigen Brüsten mag ich gar nicht erst reden. Da, sieh selbst!«
Entsetzt spürte Andrea, dass Tassina seinen Körper mit einer Leichtigkeit anhob, als sei er schwerelos. Eine Kälte wie nicht von dieser Welt überfiel und lähmte ihn. Stumm und stocksteif war er der Unbekannten ausgeliefert, seine sexuelle Erregung verflogen, fürchtete, von ihr über das Brückengeländer geworfen zu werden. ›Sie wird mich entsorgen, wie das aus ihren Händen entgleitende Bündel.‹
Mit einem Schlag verschwand die Kälte, machte einer sommerlichen Hitze Platz. Andrea spürte eine südliche Sonne auf der Haut, die Füße berührten wieder den Boden. Tassina ließ die Hand von seinen Augen sinken und gab ihn aus der Umklammerung frei.
Was war geschehen? Er stand auf einer Brücke aus Stein, unten strömte ein Fluss, kein graublaues Gewoge, die Wellen spiegelten einen sommerlichen Himmel. Er hob den Kopf, flussaufwärts sah er drei altertümliche Brücken, eine war mit massiven Steinhäusern bebaut. Wo bin ich? Sein Blick ging nach links und seine Frage war beantwortet, dort erhob sich die majestätische Kuppel von Santa Maria del Fiore, dem Dom von Florenz!


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